Die beste Einstellung der Eltern zu ihren Kindern ist die, neugierig zu sein

Elternschaft und Erwartungen an das Kind

„Die beste Einstellung der Eltern zu ihren Kindern ist die, neugierig zu sein“

Es ist ein langer Weg vom Kinderwunsch, wie man sich sein Kind vorstellt und dem Verständnis dafür, was für ein Mensch das eigene Kind tatsächlich ist. Ein Gespräch mit Dr. Hans-Joachim Maaz rund um das Thema Eltern werden und Eltern sein.


Dr. Hans-Joachim Maaz kann auf eine lange fachliche Laufbahn im Bereich der Psychologie und Psychotherapie zurückblicken und ist auch als Autor sehr erfolgreich. So war er beispielsweise von 1980 – 2008 Chefarzt der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik im Diakoniewerk Halle (Saale). Im Rahmen seiner beruflichen Laufbahn waren die Stärkung der Eltern-Kind-Beziehung und die Auswirkungen auf das spätere Leben eines seiner Hauptaufgabenfelder. Um zwischenmenschliche Beziehungen zu verbessern und auch auf deren Wichtigkeit aufmerksam zu machen, hat er die Stiftung Beziehungskultur ins Leben gerufen. Hans-Joachim Maaz hat weiterhin Elternworkshops entwickelt, die Mann und Frau auf das Kind und das Elternsein vorbereiten. Damit ist sein Team in Kitas oder Vereinen in ganz Deutschland unterwegs.


Wie entsteht ein Kinderwunsch?

Dr. Hans Joachim Maaz: Der Kinderwunsch gehört zur menschlichen Natur dazu. Es ist ein Grundbedürfnis sich fortzupflanzen, sozusagen das eigene kurze Leben durch Nachkommen in die Ewigkeit zu tragen. Es ist ein biologisches Grundbedürfnis, ein soziales Grundbedürfnis. Meine Erfahrung mit Menschen, die keine Kinder bekommen haben oder keine Kinder bekommen konnten oder auch nicht wollten – das ist immer ein sehr belastendes Thema. Nicht Kinder zu kriegen.

Natürlich, wenn man Kinder hat, hat man auch viele Probleme. Keine Kinder zu haben oder zu kriegen ist ein großes Thema, weil man da im Grunde genommen immer gegen ein Grundbedürfnis der Fortpflanzung und die eigene Biologie kämpfen muss. Viele Menschen, die aus Ideologie keine Kinder bekommen wollten, weil sie Karriere machen oder sonst irgendwie ablehnen für Kinder sorgen zu wollen, die müssen das oft kompensieren und ersetzen. Da spielt dann Leistung, Geld, Macht und Ansehen eine große Rolle. Dann wird es eben immer auch übertrieben mit diesem Ersatz. Weil es mit etwas ersetzt werden soll, was nicht wirklich das Grundbedürfnis stillt.

Ich habe immer mal auch mit Menschen zu tun, mit Männern und Frauen, die darunter gelitten haben, keine Kinder bekommen zu haben. Denen ist natürlich insofern zu helfen, dass sie das auch akzeptieren, dass es ein Verlust ist, ein Mangel ist, den sie erlitten haben, der geschehen ist. Das mit Traurigkeit und Schmerzlichkeit zu bedenken hat dann auch geholfen die biologische Wunde zu heilen oder verheilen zu lassen. Das ist auf jeden Fall immer ein großes Thema und ein stark gefühlsgetragenes Thema, mit Hoffnung, Sehnsucht, Erfolg auf Nachwuchs aber auch mit Enttäuschung, Trauer und Schmerzlichkeit, wenn dieser Wunsch nicht erfüllt werden kann.

Die Partnerschaft ist keine Zweierbeziehung mehr, sondern eine Dreierbeziehung.

Hans-Joachim Maaz


Sollten sich Eltern mit Kinderwunsch im Vorfeld der Schwangerschaft Gedanken machen?

Das ist sehr zu empfehlen, sich darüber Gedanken zu machen, wirklich ausführlich gründlich und intensiv – miteinander aber auch mit Menschen, die diese Erfahrung schon gemacht haben. Viele Menschen, die Eltern werden, sind sehr naiv und denken, naja, das wird schon werden. Irgendwie bekommen wir das schon hin. Das Kind macht ja die Frau zur Mutter und den Mann zum Vater. Die Partnerschaft ist keine Zweierbeziehung mehr, sondern eine Dreierbeziehung.

Das sind grundlegende Veränderungen im Erleben, im Wahrnehmen, in der Verantwortung, in der Veränderung – ich hab sehr viele Partnerschaften gesehen, das ist ja auch ein großes Thema meiner Arbeit immer gewesen, die in die Krise gekommen sind, nachdem dann ein Kind da war. Vorher war alles gut. Da haben sie sich gut vertragen und gemocht. Plötzlich kam das Kind und die Dreierbeziehung war nicht richtig bedacht, was das verändert. Das es praktisch auch eine Konkurrenz in vielerlei Hinsicht gibt. Sich darauf vorzubereiten, darüber zu sprechen, sich Gedanken zu machen, was sich verändert auch mit Eltern, die eine Erfahrung gemacht haben, darüber zu sprechen, kann ich nur empfehlen, um nicht unvorbereitet in eine so grundlegende, verändernde, soziale Situation zu gehen.

Die Einstellung, sich darauf vorzubereiten, dass es Erfahrungen gibt, die man dann erst machen kann wenn es soweit ist – diese Einstellung, dieses Offen sein für notwendige und zwangsläufige Veränderungen – das ist, glaube, ich die beste Vorbereitung. Offen zu sein und sich auch überraschen zu lassen, was sich da verändert. Übrigens eines der Grundprobleme bei vielen Eltern auch, wenn sie ein Kind bekommen oder sich auf eine potenzielle Schwangerschaft vorbereiten, dass sie natürlich immer auch Vorstellungen haben, wie das Kind dann sein soll. Das halte ich für ein verhängnisvolles Vorurteil.

Denn die beste Einstellung der Eltern zu ihren Kindern ist die, neugierig zu sein. Also keine Vorstellung zu haben, wie das Kind wohl ist und sein soll, sondern neugierig zu sein. Mein Kind, wie bist du? Ich will dich entdecken und verstehen lernen. Ich will diese neue Einmaligkeit an Lebensexistenz bewundern und bei der Entwicklung helfen. Ich habe mal so ein Bild entwickelt, dass ich Eltern sage, stellen sie sich vor, Elternschaft ist wie eine Gärtnerschaft. Sie haben ein Kind wie ein kleines Bäumchen, was gepflegt werden will. Sie müssen sehen wie das Bäumchen wachsen will, was es braucht, um gut sich zu entwickeln. Diese Einstellung, die Neugierde, die Zuwendung, die Empathie für dieses neue andere Leben als man es sich hat vorstellen können.

HalloFamilie im Gespräch mit Dr. HansJoachim Maaz – Das Interview als Youtube-Video

50 Prozent des Charakters entwickeln sich bereits in Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit. Haben Sie Tipps, damit die Mutter eine möglichst entspannte Schwangerschaft erleben kann und so auch das Kind entspannt bleibt? Sollte sich die Mutter beispielsweise mal einen verlängerten Wellnessurlaub gönnen?

Das ist eine empirische Erfahrung über die Bedeutung der Mutter-Kind-Beziehung von Anfang an. Die 9 Monate Schwangerschaft, das Geburtserleben, die erste Beziehungsphase durch das Stillen – das hat einen erheblichen und prägenden Einfluss auf das Kind. Wenn Sie jetzt denken, man könnte sich in den Liegestuhl legen und Wellness machen – das ist ja nicht die Realität. Man würde von Anfang an dem Kind eine falsche Realität vermitteln, von einem entspannten und vergnügten Leben. Ich denke, es dürfte auch nicht viele Menschen geben, die das so können. Ich glaube die Ehrlichkeit, die Offenheit, auch was in der Schwangerschaft mit der Mutter passiert an inneren Auseinandersetzungen, an Sorgen, an Problemen, an Konflikten und natürlich auch in der Partnerschaft oder im künftigen sozialen Leben dann. Dass man auch das sich bewusst macht, bespricht, auch mit Gefühlen, die da sind, verbindet.

Damit wird von Anfang an etwas in der Mütterlichkeit oder in der Beziehung zum Kind vermittelt, dass es immer um eine Auseinandersetzung geht. Dass es immer um Ehrlichkeit geht. Wenn eine Mutter durch innere Konflikte in Stress kommt, das ist ja unvermeidbar. Das erlebt das Kind natürlich mit. Wenn die Mutter aber diesen Stress verstehen lernt und in Entspannung kommt, erlebt dass das Kind auch wieder mit. Auf diese Weise, wenn man ehrlich mit Sorgen und Problemen umgeht, im Sinne von sprechen darüber, nachfühlen, verstehen wollen, was da passiert, wird dem Kind ein natürlicher Umgang mit der Lebensform vermittelt, von Anfang an.

Es gibt Anspannung und Entspannung. Es gibt Krisenzeiten und es gibt harmonische Zeiten. Der ehrliche Umgang, der offene Umgang, der emotionale Umgang mit den eigenen Problemen als Mutter oder Vater oder in der Partnerschaft, ist glaube ich die beste Vorbereitung für das Kind, bereits in der Schwangerschaft.

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Zuletzt aktualisiert am 11. Juni 2021 um 3:17 . Wir weisen darauf hin, dass sich hier angezeigte Preise inzwischen geändert haben können. Alle Angaben ohne Gewähr.

Wie gelingt es Eltern das Kind einfach “sein” zu lassen und nicht mit eigenen Erwartungen zu überfrachten?

Das ist eine große und schwierige Aufgabe. Weil natürlich die meisten Eltern eine Vorstellung haben, wie ihr Kind sein soll, sie haben Erwartungen. Das Kind soll schön sein, soll lieb sein, soll freundlich sein, soll Eltern glücklich machen, soll in der Entwicklung wenig Probleme machen. Das ist natürlich nicht die ganze Realität. Eltern haben Probleme, Eltern haben mit sich Probleme, in der Partnerschaft und auch mit der Andersartigkeit eines Kindes. Eltern sind gut beraten, davon auszugehen, dass das Kind immer anders sein wird, als sie sich vorgestellt haben oder auch wünschen.

Diese Andersartigkeit sehen zu wollen und akzeptieren zu wollen und bestenfalls auch verstehen zu wollen – weshalb verhält sich dieses Kind oder empfindet dieses Kind die Situation jetzt so und anders, als man es als Eltern gedacht hat. Das ist, glaube ich, die wichtigste Herausforderung für Eltern, um dem Kind gerecht zu werden. Wir wissen aus unserer Arbeit, dass das Schädlichste für Kinder ist, wenn Eltern dem Kind sagen, wie es zu sein hat, was es zu lassen und zu tun hat.

Das Kind wird ausgerichtet auf die elterlichen Vorstellungen, elterlichen Erwartungen und nicht mehr auf die eigenen Entwicklungsmöglichkeiten, die eigenen Identität. Das ist die größte, wichtigste und auch schwierigste Aufgabe, muss ich zugeben. Das Eltern bemüht sind, die Identität des Kindes zu entdecken und zu fördern und nicht dem Kind eine Identität aufzudrücken nach den eigenen Vorstellungen der Eltern. Das Kind wird dann leicht seiner selbst entfremdet, durch den Einfluss der Eltern, wie es werden soll. Im Optimalfall kann es so werden und sich erleben wie es wirklich nach seinen Möglichkeiten, Begrenzungen, Talenten und Fähigkeiten tatsächlich lebt. Dies zu entdecken und herauszufinden halte ich für die wichtigste elterliche Funktion.

Ein Beispiel aus der Praxis: Das Kind soll unbedingt Trompete lernen, das Kind ist aber vielleicht nicht musikalisch und ist auch traurig, dass es den Vorstellungen der Eltern nicht genügen kann. Was wäre eine angemessene Reaktion als Elternteil?

Wenn Eltern einen solchen Ehrgeiz haben, weiß ich aus eigener Erfahrung, dann sind es bestimmt schlechte Eltern, wenn sie nicht mitbekommen, dass das in diesem Fall nicht das Beste für das Kind ist. Das kann es sein. Kinder entwickeln sich auch durch nachahmen, sich identifizieren mit dem, was sie bei den Eltern kennenlernen. Es kann sein, dass das gut passt. Wenn ein Elternteil ein guter Trompeter ist, dann kann das auch bei dem Kind ansteckend wirken. Aber es muss nicht. Das Kind kann auch ganz anders sein. Und diese Freiheit sollten Eltern dem Kind lassen.

Natürlich müssen sie Angebote machen. Angebote, was ein Kind lernen, üben und ausprobieren kann. Dafür sind Eltern ja da. Die Möglichkeiten sollten breit und umfassend sein. Dabei kann man auch erkennen, was dem Kind gefällt und worin es Talente entwickelt oder was dem Kind zuwider ist. Diese Einstellung sollten Eltern haben, um dann allmählich herauszufinden, was für das Kind wirklich das Beste ist. Liebe ist das zu tun, was dem anderen, dem Kind am besten hilft, sich selbst zu entwickeln, identisch mit sich selbst zu werden.

Musik ist natürlich für viele Menschen eine hervorragende Möglichkeit der Lebensgestaltung, des emotionalen Ausdruckes – das kann man natürlich anbieten und man wird schauen, wie man das Kind dafür begeistern kann, ob man Talente wecken kann. Dann sollte man dann schon offen sein, es muss nicht Trompete sein, es kann auch die Harfe sein, die Flöte oder das Schlagzeug. Diese Einstellung des Probierens und so herauszufinden, was zu meinem Kind passt, das ist die beste Einstellung.

Eltern kommen manchmal in Streit. Wie gelingt es Elternteilen, das von dem Kind fernzuhalten, dass Kinder nicht in die “Liegt das jetzt an mir?”-Gedanken verfallen?

Das Wichtigste ist, immer darüber zu sprechen, auch mit dem Kind zu sprechen. Man muss dem Kind sagen, natürlich ist es altersgemäß unterschiedlich, wir haben jetzt Streit. Wir haben ein Ärgernis, wo wir unterschiedliche Meinungen haben. Dem Kind erklären, was jetzt Sache ist. Natürlich liegt die Kunst darin, wie kann man es erklären, dass das Kind es versteht. Das Kind erfährt es ja, dass sieht es ja. Zu leugnen, zu verschweigen, dass die Eltern einen Konflikt haben, bringt überhaupt nichts. Das Kind weiß es sowieso und macht sich dann nur seine Gedanken.

Wenn es aber von den Eltern gesagt bekommt, wir haben jetzt Streit, wir haben einen Konflikt aus den und den Gründen, so wie es das Kind verstehen kann, dann weiß das Kind erstmal, aha das ist die Problematik um die es geht. Das hilft dann natürlich auch. dass das Kind begreifen kann, das kann man ihm auch sagen. Das hat mit dir nichts zu tun. Du bist jetzt nicht der Auslöser. Was eben, wenn nicht darüber gesprochen wird, tatsächlich viele Kinder fürchten. Dass sie Schuld seien, dass die Eltern sich nicht gut verstehen. Das kann natürlich auch eine Elternkrise, ein Konflikt sein, der eben dadurch ausgelöst wird, dass es unterschiedliche Einstellungen zum Kind gibt. Dann aber zu sagen, dass es nicht das Problem des Kindes ist, sondern das Problem der Eltern, das halte ich für ganz wichtig.

Der häufigste Fehler ist, dass Eltern nicht mit ihren Kindern sprechen, vor allen Dingen nicht über Probleme sprechen, eigene Sorgen sprechen. Dass sie dem Kind nicht sagen, mir geht es jetzt nicht gut. Ich habe jetzt das und das Problem, ich muss mich jetzt um mich kümmern. Ich muss mich um die Partnerschaft oder meine Arbeit kümmern. Dass dem Kind erklärt wird, dass es ein Problem gibt, dass es eine Krise gibt. Dass die Eltern bemüht sind, das zu klären. Dass es nicht ursächlich bei dem Kind liegt, sondern ursächlich bei den Eltern selbst.

Immer wieder das offene Gespräch suchen, das Kind zu informieren, halte ich für das Wichtigste, weil man darf nie denken, dass Kinder das nicht mitkriegen. Kinder spüren alles. Die kriegen alles mit. Aber sie verstehen es nicht, wenn nicht darüber gesprochen wird. Dort beginnt im Kind oft eine innere Auseinandersetzung von Vorwürfen, von Schuldgefühlen, von Ängsten, was mit den Eltern passiert. Das Nicht-Sprechen ist sozusagen das Tor zur Krise auch des Kindes, weil es nicht verstehen kann, was da eigentlich passiert.

Also sollte man über alles mit dem Kind reden?

Allerdings sollte man das Kind auch nicht überfordern, im Sinne von, dem Kind was erklären, was es noch nicht verstehen kann oder man zieht das Kind, was häufig passiert, auf eine Seite, gegen den Vater oder gegen die Mutter. Das ist natürlich für das Kind ganz furchtbar. Weil das Kind braucht beide, Vater und Mutter. Es ist, wenn das Kind heranreift, eine große Hilfe, dass man sagen kann, Vater und Mutter sind verschieden. Vater und Mutter haben gute und schlechte Seiten.

Das sind die jeweils guten und die jeweils schlechten Seiten. Nicht der Vater ist schlechter und die Mutter ist schlechter, um damit dem Kind zu helfen, allmählich, was ja auch zu seiner Entwicklungsaufgabe gehört, herauszufinden aha so sind die guten und schlechten Seiten beim Vater und bei der Mutter ebenso. Was bringt mir das? Was kann ich daraus lernen? Was kann ich entwickeln? Das wäre im Grunde genommen die beste Voraussetzung, dass das Kind seinen eigenen Weg findet und nicht genötigt wird indirekt, manipulierend oder verführend, sich nur der Meinung des Vaters oder nur der Meinung der Mutter anzuschließen.

So lernt das Kind auch, dass jede seiner Eigenschaften richtig ist und keine unterdrückt werden muss, oder?

Ja, das ist richtig. Die Eltern sind im Grunde genommen der Spiegel für die Eigenschaften, Probleme und Fähigkeiten des Kindes. Wenn man bei diesem Bild bleibt, Eltern als Spiegel, dann sollte dieser Spiegel natürlich sauber und nicht verzerrt sein. Also tatsächlich das abbilden, was das Kind empfindet. Die Empathie als Spiegel, die Eltern dem Kind deutlich machen. Immer bei dem Kind bleiben und nicht bei den Eltern, die dann sagen, wie kannst du dich nur so verhalten. Das ist ja ganz furchtbar. Da sind sie nicht mehr Spiegel sondern ein manipulierendes Gegenüber, das bewertet das ist gut und das ist schlecht.

Natürlich gibt es auch gute und schlechte Dinge, die ein Kind erlebt oder tut. Aber auch darüber muss man sprechen. Warum halte ich als Eltern eine Sache für gut oder für schlecht. Das muss man bemüht sein, verständlich zu machen. Das kann durchaus sein, dass natürlich das Kind etwas gut findet, was die Eltern überhaupt nicht gut finden. Eltern sind aber in der Verantwortung. Natürlich gibt es Dinge, wo man Kinder auch begrenzen muss, wo man etwas verbieten muss oder sagen muss, das geht nicht. Aber idealerweise immer mit der Erklärung – es geht nicht weil, eine Gefahr droht, es passt jetzt nicht in unsere Lebenssituation, das Geld ist nicht da, die Zeit ist nicht da, das Verständnis ist nicht da.

Es wäre ein Irrtum zu glauben, empathisch für das Kind zu sein hieße, alles was das Kind erlebt oder macht zu bestätigen.

Hans-Joachim Maaz

Es wäre ein Irrtum zu glauben, empathisch für das Kind zu sein hieße, alles was das Kind erlebt oder macht, zu bestätigen. Nein, man muss auch sagen, das ist aus meiner Sicht nicht in Ordnung und dann erklären. Diese Auseinandersetzung gehört auch dazu. Dass das Kind auch da lernt, nicht nur sich immer besser zu verstehen, sondern auch die Situation im sozialen Kontext, in dem wir ja immer leben. Wir leben ja immer in einem sozialen Umfeld, was berücksichtigt werden muss. Wenn ich mich so oder so verhalte, was macht das mit meiner Umwelt. Diese Erfahrung beginnt am ehesten in der Auseinandersetzung zwischen Eltern und Kind.

Noch kurz eine Frage zum aktuellen Thema: Welche Auswirkungen hat Corona und das Tragen einer Maske ihrer Meinung nach auf das Familienleben?

Wir brauchen für die Entwicklung unbedingt den sozialen Kontakt. Das heißt auch Mimik und emotionale Reaktion. Der Säugling lebt am Anfang im Wesentlichen vom Gesichtsausdruck der Mutter. Das Kind spürt durch Mimik und Gestik, was die Mutter empfindet, was die Mutter will, wie das Kind angenommen wird oder eben distanziert wird. Mimik zu sehen und lesen zu lernen ist eine wesentliche Grundlage des kommunikativen Verständnisses für Menschen. Das kann man nicht ohne schwere Probleme und ohne schweren Schaden längere Zeit verbieten.

Wie kann es gelingen, als Elternteil auch in schwierigen äußeren Situationen innere Stabilität zu finden und diese nicht auf das Kind zu übertragen?

Ein regelmäßiger Austausch zwischen Eltern und Kindern ist auch hier wichtig. Eltern werden ja einen Großteil ihrer Lebensprobleme nicht mit den Kindern besprechen. Die Erwachsenenprobleme gehören auch unter Erwachsene. Was Eltern brauchen um stabil zu sein, auch in Krisenzeiten, ist der Austausch mit anderen Menschen. Sich informieren, sich mitteilen können, verstanden werden, Hinweise bekommen, Rat zu bekommen, aber eben auch etwas loszuwerden, um sich selber besser zu verstehen. Sprechen, reflektieren, nachdenken, mit anderen Menschen sprechen, sich austauschen. Im Austausch für sich aus der Krise einen Ausgang finden, eine emotionale Stabilität, dann ist man in dem Moment auch wieder eine bessere Mutter oder ein besserer Vater dem Kind gegenüber.

Herr Dr. Maaz – vielen Dank für das Interview.

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Zuletzt aktualisiert am 11. Juni 2021 um 3:17 . Wir weisen darauf hin, dass sich hier angezeigte Preise inzwischen geändert haben können. Alle Angaben ohne Gewähr.

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