Gentechnisch veränderte Lebensmittel

Ernährungspoker mit dem Erbmaterial

Genfood – ein ewiger Zankapfel, der nach wie vor die Gemüter in Wallung bringt. Das Ernährungslager ist gespalten, würden sich doch aus gentechnisch veränderten Lebensmitteln ungeahnte Folgen ergeben.

Der Verbraucher bekommt hiervon allerdings herzlich wenig zu spüren – zumindest direkt. Denn gentechnisch veränderte Lebensmittel, egal ob roh oder zubereitet, haben bis jetzt in deutsche Supermärkte keinen Einzug gehalten. Ein wesentlicher Grund hierfür dürfte in der diesbezüglichen Verordnung der EU vom September 2003 liegen.

Im Vergleich zur Vorgängerregelung dehnt sie ihren Geltungsbereich auch auf Futtermittel aus und enthält deutlich schärfere Vorschriften bezüglich Zulassung und Kennzeichnung. Letztere ist für alle Produkte notwendig, die aus gentechnisch veränderten Organismen (GVO) hergestellt werden. Das schließt Zusatzstoffe und Aromen genauso ein wie nicht nachweisbare oder nicht mehr im Produkt enthaltene Bestandteile.

Dennoch ist die Wahrscheinlichkeit gering, von Gentechnik verschont zu bleiben, da solche Lebensmittel aus dem Geltungsbereich der Verordnung fallen, die mit Hilfe von GVO hergestellt werden oder die, wie Milch, Eier und Fleisch, von Tieren stammen, die gentechnisch veränderte Futtermittel erhalten. Daneben sind gentechnisch veränderte Bestandteile auch bis zu einem gewissen Schwellenwert in den Produkten erlaubt.

Bezieht man diese Faktoren in die Betrachtung mit ein, so gibt es unzählige Lebensmittel im täglichen Verbrauch, die wahrscheinlich mit Gentechnik in Berührung gekommen sind: Angefangen vom ACE-Drink über Kartoffelchips bis hin zur Würze – die Palette ließe sich fast endlos fortsetzen.

Keine bloße Kreuzung

Das Besondere an Genfood liegt in der Kombination von artfremdem Erbmaterial. Die Methode der Kreuzung und der damit verbundene Genaustausch sind zwar schon lange bekannt, aber immer auf verwandte Arten beschränkt.

Der technische Fortschritt machte es möglich, dieses Prinzip auch auf völlig verschiedene Arten anzuwenden, so dass ein Organismus gezielt die gewünschten Eigenschaften eines anderen erhält und diese auch weiter vererbt. Zum Beispiel könnte das Antifrostgen eines Fisches auf die Kakaopflanze übertragen werden, so dass sie auch in kälteren Regionen gedeiht.

Wieso das Ganze?

Die Motive für gentechnische Verfahren sind unterschiedlicher Natur, laufen im Endeffekt aber auf eine wirtschaftlichere Produktion und das Ausloten von Marktnischen hinaus. Im Bereich der Pflanzen werden sie angestrebt durch eine erhöhte Resistenz gegenüber Pestiziden oder Insekten, eine stärkere Klimaunempfindlichkeit oder eine Reifeverzögerung beziehungsweise Veränderung des Fettsäuremusters zwecks längerer Haltbarkeit.

Auch ein gesteigerter Nährstoff- und Geschmacksgehalt sowie ein ausgeprägterer Fruchtkörper werden anvisiert. Bei der Tierzucht zielt die Gentechnik dementsprechend auf schneller wachsende oder ertragreichere Tiere.

Neue Unübersichtlichkeit bei Lebensmitteln

Käme tatsächlich vermehrt Genfood auf den Markt, würde es sich für den Verbraucher zuerst einmal in einer erhöhten Unübersichtlichkeit niederschlagen. Vor allem aufgrund von Produkten, die sich aus mehreren gentechnisch relevanten Lebensmitteln zusammensetzen, würde dem Konsumenten das Wahren des Überblick fast unmöglich gemacht werden. Auch die gesetzliche Kontrolle der Einhaltung der Vorschriften dürfte sich dann als schwer realisierbar gestalten.

Nichtsdestotrotz sind insbesondere Allergiker auf vollständige Informationen angewiesen. Sie müssen wissen, ob und inwieweit für sie unverträgliche Proteine, die nach dem Bauplan der artfremden Erbmasse erzeugt werden, im genmanipulierten Lebensmittel enthalten sind. Beispielsweise könnte sich das oben erwähnte Kakaopulver für Menschen mit Fischunverträglichkeit zu einem Problem auswachsen.

Mögliche Gefahren

Sieht man einmal von der Allergieproblematik ab, stellen die gentechnisch veränderten Lebensmittel keine Gefahr dar. Denn sie werden nur zugelassen, wenn sie keine nachteiligen Auswirkungen auf die Gesundheit von Mensch und Tier oder auf die Umwelt haben, ihr Verzehr als Ersatz von herkömmlichen Lebensmitteln keine Ernährungsmängel bedingt und die Verbraucher nicht irregeführt werden. Soweit die offizielle Argumentation.

Die Kritik setzt hier an zwei Punkten an. Zum einen betrifft sie das bloße Wissen um GVO. Zwar enthält die EU-Verordnung penible Bestimmungen zur Rückverfolgbarkeit bezüglich Liefer- und Verarbeitungskette von Produkten, an deren Herstellung sie beteiligt sind.

Doch welcher Hersteller könne zum Beispiel genau überwachen, unter welchen Bedingungen die Rohstoffe für seine Lebensmittel auf einem anderen Kontinent produziert werden. Die Vorstellung, dass Artikel im Regal stehen, von denen selbst der Produzent, geschweige die Behörde, nicht weiß, ob oder welche GVO sie enthalten, sei gar nicht so abwegig. Hierunter könnten auch solche vertreten sein, die eventuell nicht den „Gesundheitscheck“ der EU bestünden.

Der zweite Punkt betrifft speziell die Kriterien, die bei diesem Check angesetzt werden. Aufgrund der relativen Neuheit von Genfood könne niemand die genauen Folgen oder gar Risiken für den Menschen abschätzen. Sie würden sich erst abzeichnen, wenn eine große Anzahl von Personen über einen langen Zeitraum hinweg Genfood verzehrt.

Eine von vielen Befürchtungen läuft beispielsweise darauf hinaus, dass sich durch gentechnisch veränderte Nahrung unter den Menschen die Resistenz gegenüber Antibiotika ausbreiten könnte. Doch damit nicht genug. Was für den Mensch gelte, gelte für die Umwelt erst recht. So seien die Folgen für das ökologische Gleichgewicht, speziell durch Freilandversuche, ebenso wenig absehbar. Es sind Fälle bekannt, bei denen sich manipulierte Genabschnitte auch in Wildpflanzen fanden. Unbekannt seien potenzielle Effekte von Wirkstoffen gentechnisch veränderter Pflanzen.

Sie könnten sowohl Schädlinge und Krankheitserreger Resistenzen gegen sich ausbilden lassen als auch erwünschte Organismen negativ beeinflussen. Die indirekten Kosten, die sich daraus ergeben, könnten langfristig nicht durch gentechnisch bedingte Effizienzsteigerungen aufgewogen werden.

Möglicher Nutzen

Natürlich stehen dem auch positive Argumente gegenüber. Eines ist der Verweis auf größere und verbesserte Erträge durch Genfood, die die Welternährung sichern würden. Demgegenüber betonen Kritiker, dass Unterversorgungen aus Verteilungsproblemen resultieren und nicht aus der Nahrungsmittelknappheit.

Eine Entlastung der Umwelt könnte sich aufgrund der erhöhten Widerstandskraft der Pflanzen ergeben, die weniger Pestizide notwendig macht. Nicht zuletzt wäre auch für den Einzelnen Genfood mit Chancen verbunden, da Allergiestoffe in bestimmten Lebensmitteln stark reduziert werden könnten. Dies ist in Japan bei einer Reissorte gelungen.

Zukunftsmusik?

Im Gegensatz zur geringen Nutzung gentechnisch veränderter Pflanzensorten auf europäischen Agrarböden, kann deren Anbau in anderen Regionen einen starken Anstieg verzeichnen. In den USA, Argentinien, Brasilien und Kanada gehört er längst zur Routine. Spitzenreiter unter den gentechnisch veränderten Pflanzensorten ist die Sojabohne, die 60 Prozent der weltweiten Produktion ausmacht. Daneben sind lediglich Raps und Mais von praktischer Relevanz.

Über die Entwicklung von Lebensmitteln, die völlig oder zum Großteil aus GVO bestehen, werden wohl in erster Linie die Verbraucher entscheiden. Bisher floppten speziell entworfene Testprodukte, um die Akzeptanz von Genfood auszuloten.

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