Frühförderung gehörloser Kinder in Gebärden- und Lautsprache

Wir hören, was wir wollen!

Die Diagnose ist gestellt. Die Verzweiflung lässt nach. Langsam finden sich die Eltern im Chaos der neuartigen Lebensgestaltung zurecht. Sie wissen jetzt: Das Kind wird in der Lage sein, ein eigenständiges Leben zu führen.

Nach dem ersten Schock beginnen die Eltern, die Diagnose zu akzeptieren. Im Annehmen der besonderen Situation des Kindes und der eigenen ergeben sich neue Herausforderungen, denen es sich zu stellen gilt: Wie kann ich mit meinem Kind nun kommunizieren? Wie wird es verstehen lernen, wie die Welt begreifen? Muss ich die Gebärdensprache lernen?

Welche Möglichkeiten haben unser Kind und wir frühzeitig und umfassend gefördert zu werden? Wie können wir mit unserem Kind eine gemeinsame Welt entwerfen?


Ein ruhiger Ort für besondere Gespräche


Sicher ist, das gehörlose Kind bedarf einer besonderen Betreuung und Aufmerksamkeit. Hörende Kinder spüren weniger Unsicherheit, wenn sie alleine in ihrem Kinderzimmer spielen, hören sie doch ihnen vertraute Geräusche und Stimmen von Vater, Mutter oder Geschwistern.

Einem Kind, das nichts hört oder hochgradig schwerhörig ist, reicht eine so gespürte Nähe nicht, denn Töne dringen gar nicht oder nur sehr schemenhaft in seine Welt.

Es braucht die optische Nähe seiner Bezugspersonen, um Vertrauen aufbauen zu können. Besonders wirkungsvoll ist dabei ein geschützter Rahmen. Vater oder Mutter ziehen sich mit ihrem Kind an einen ruhigen und ungestörten Ort zurück, an welchem sie die volle Konzentration auf das Kind richten. Damit vermitteln sie ihm, dass sie es wichtig nehmen.


Frühzeitige Sprachförderung ist wichtig

Dieses Vertrauen schafft die nötige Grundvoraussetzung, auf welcher sehr bald nach der Diagnose mit der Sprachförderung begonnen werden kann. Schon ab einem Alter von einem Jahr ist es möglich, mit dem Erlernen der Gebärdensprache anzufangen. Parallel wird dem Kind die Lautsprache vermittelt.

Es lernt, sich verständlich auszudrücken und von den Lippen abzulesen. Die Aussprache wird zeitlebens für hörende Menschen schwer zu verstehen bleiben, da dem gehörlosen Menschen die Kontrolle über seine Sprache fehlt.

Dennoch wird es für wichtig erachtet, sowohl Gebärdensprache als auch Lautsprache zu erlernen. Denn ohne den Erwerb der Lautsprache ist ein Kommunikation mit der hörenden Welt fast unmöglich, weil nur sehr wenig hörende Menschen die Gebärdensprache beherrschen. Außerdem wird das Kind nicht lernen, von den Lippen seines Gesprächspartners ab zu lesen.

Ohne die Kompetenz der Gebärdensprache hingegen wird es aus der Welt der Gehörlosen ausgegrenzt werden, weil es ihre Sprache nicht versteht. Des Weiteren wird es anstrengend werden, längeren Vorträgen zu folgen, die durch einen Gebärdendolmetscher unterstützt werden, weil Lippenablesen ein hohes Maß an Konzentration erfordert.

Unter manchen Umständen ist sie gar nicht machbar, sei es, weil die Entfernung zum Sprecher zu groß und das Licht unvorteilhaft ist oder die Redner undeutlich sprechen. Allerdings ist in der Frühförderung und in der Schulbildung Gebärdensprache kein Pflichtfach. Es wird lautsprachlich unterrichtet, was auf Kosten der Bildung geht, weil sich die Konzentration der Kinder und Jugendlichen auf das Verstehen richtet und dadurch weniger Platz für inhaltliche Analysen bleibt.

Durch diese einseitig ausgerichtete Unterrichtsform erwerben hörbehinderte Menschen nur eingeschränkte Schreib-, Wortschatz- und grammatikalische Fähigkeiten. Dieses Defizit kann durch den Erwerb von Gebärdensprache ausgeglichen werden. Die Gehörlosenverbände fordern deshalb, Gebärdensprache ab der 5. Klasse für Hörgeschädigte als Wahlpflichtfach einzuführen.


Empfehlungen für eine umfassende Förderung


Die Kultusministerkonferenz gibt für den Förderschwerpunkt Hören in Kindergärten und Schulen weitere Empfehlungen. Neben der Förderung des sprachlogischen Denkens und des Lautsprachenerwerbs stehen die emotionale und soziale Entwicklung auf dem Plan.

Stärker als bei hörenden Kindern müssen lebenspraktische Fähigkeiten und der Umgang mit der Hörschädigung erlernt werden, um so negative Konsequenzen, die die eingeschränkte oder fehlende Hörfähigkeit mit sich bringen kann, zu verringern.

Auf diese Weise sollen die Kinder in ihrer Identitätsfindung und Persönlichkeitsentwicklung unterstützt werden. Dabei sollen die Erziehungsberechtigten stark in die Erziehung mit einbezogen werden, damit die PädagogInnen grundlegende Kenntnisse über das Umfeld des Kindes erlangen.

Auf diese Weise wird sich das Kind in der Welt der Hörenden zu recht finden. Es wird später genauso selbstständig leben können wie seine Altersgenossen. Es kann alleine zur Schule gehen, Freunde und Freundinnen besuchen, sogar tanzen und später Auto fahren.

Voraussetzung dafür ist, es so früh wie möglich umfassend zu fördern: In speziell auf Gehörlose ausgerichtete Kindergärten und Schulen sowie außerschulische Maßnahmen und Therapien. Zu einer optimalen Förderung gehört auch das Pflegen von Kontakten zu hörenden Menschen.

Die Kinder lernen sprechen und hören, nur eben anders als wir es gewohnt sind. Sie werden immer Schwierigkeiten damit haben, einem Gespräch in einer großen Gruppe zu folgen, sie werden auch keine Ansagen am Bahnhof hören können oder das Hupen eines Autos im Straßenverkehr.

Aber sie werden lernen, sich in diesen Kontexten zurecht zu finden. Sie können zwei Sprachen erlernen und so Teil der Gehörlosengemeinschaft werden. Wenn die Bezugspersonen des gehörlosen Kindes es auf diesem nicht immer einfachen Weg begleiten, kann es für beide Seiten eine große Bereicherung werden, in zwei Sprachwelten zu Hause zu sein.

Janina Galvagni

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