Erziehungsmethoden

Muss Strafe sein? Darf Strafe sein?

Kopfnüsse, Ohrfeigen, Tritte - wenn die Großmutter die Varianten der Züchtigungskultur in der Erziehung von Kindern aufzählte, konnte sie sogar völlig Unbeteiligte das Gruseln lehren. Heute ist unbestritten, dass körperliche Strafe als Erziehungsmittel ausgedient hat.

Die Ohren haben in der Geschichte der Kindererziehung schon immer eine große Rolle gespielt. Entweder wurden sie einem lang gezogen, wenn man die Grundregeln guten Benehmens verfehlt hatte, oder es gab ein paar hinter dieselben, wenn man es besonders schlimm getrieben hatte. Die Ohren galten als Basislager des Anstandes oder der Wiederherstellung desselben. Durchlief man einmal ein solches Verfahren, so hatte das zwei Konsequenzen: erstens schrieb man es sich hinter die Ohren und zweitens hat es angeblich noch niemandem geschadet. Dabei mögen Ohrfeigen damals sogar noch zu den milderen Strafen in der Geschichte der Kindererziehung gezählt haben. 

Das Recht auf gewaltfreie Erziehung

Jeder Mensch ist anders. Und jeder erzieht anders. Heute ist man sich jeodoch einig, dass Gewalt in der Erziehung keinen Platz hat. Nicht nur die emotionale und soziale Entwicklung des Kindes ist behindert. Die Eltern zeigen damit ihre Unfähigkeit, Konflikte auf angemessene Art und Weise zu lösen. Noch dazu erfährt das so wichtige Urvertrauen des Kindes ins Leben einen starken Einbruch, häufig bis weit über die Kindheit hinaus.

Der Gesetzgeber hat mit der Änderung des so genannten Züchtigungsparagrafen (§1631 II BGB) im Jahr 2000 auf diese Erkenntnisse reagiert und damit ein neues Erziehungsleitbild geschaffen: Gewalt als Züchtigungsmittel hat ausgedient. Stattdessen werden Fürsorge, Respekt und Förderung als Grundsätze der Kindererziehung betont. 

Hände rutschen nicht einfach aus 

Dennoch kommt es in vielen Familien immer wieder zu Übergriffen, die  die empfindliche kindliche Seele nachhaltig schädigen. Für viele Kinder ist deshalb eine Tracht Prügel etwas Selbstverständliches, als gäbe es keine Erziehung ohne körperliche Strafen. Ursachen dafür sind meist Stress, Frust oder Überforderung aus Büro und Alltag. Konflikte aus der Partnerschaft oder innere Spannungen durch Gefühle von Hilflosigkeit tun ihr Übriges, dass Eltern „mit ihrem Latein“ am Ende sind. Vielen „rutscht einfach die Hand aus“. Dabei ist klar: Hände rutschen nicht einfach aus. Selbstwertgefühl ist ein immens wichtiger Wert, der aber bereits in der Kindheit demontiert werden kann. Später befinden sich solche Menschen in einem engen Korsett aus Selbsthass, Versagensgefühlen und Erbitterung.

Straffrei heißt nicht regelfrei

Grundsätzlich können Sanktionen sinnvoll sein: Eltern muss es erlaubt sein, Gehorsam zu verlangen, etwa dann, wenn sie das Kind davon abhalten wollen, sich selbst oder andere zu schädigen. Eltern, die hier auf Nachhaltigkeit setzen, sollten aber nur solche Sanktionen verhängen, die einen Sinnzusammenhang mit dem Regelverstoß haben. Beispielsweise besteht bei einem Regelverstoß bei Tisch eine sinnvolle Sanktion darin, Süßigkeiten als Nachspeise zu verbieten. Dabei ist klar, dass man ein Kind nur dann bestrafen kann, wenn der Regelverstoß vorab definiert war. Nur so kann das Kind lernen, Sanktionen als voraussehbar und vermeidbar zu erkennen und sein Verhalten darauf einzurichten.

Strafe bewirkt oft das Gegenteil  

Strafe ist ein aggressiver Akt und führt zudem nicht zu den erwünschten Ergebnissen. Oftmals bewirkt sie sogar das Gegenteil. Strafe kann Ausweichverhalten provozieren oder dazu führen, dass das Kind nicht nur das gestrafte Verhalten verändert, sondern auch ein ähnliches: steht z.B. aggressives Verhalten des Kindes unter Strafe, so kann das Kind auch seine (positiven) Aktivitäten einschränken. Ist ein Kind stark vernachlässigt, so kann es Strafe sogar als eine Form der Zuwendung und Anreiz erleben, das unerwünschte Verhalten noch zu verstärken.

Alternativen zur Strafe als Erziehungsmittel

Ist das Kind noch sehr klein, hilft notfalls nur noch Wegtragen von der Gefahrenquelle. Ältere Kinder überzeugt oft das schlichte Aufzeigen von Konsequenzen: Das sind Verhaltensfolgen, die sich von alleine einstellen, weil sie sich aus der Wirklichkeit ergeben.

So ist es überflüssig, dem Kind jeden Morgen aufs Neue zu erklären, warum es sich anziehen soll, bevor es in den Kindergarten geht. Es weiß selbst sehr gut: Gehe ich im Schlafanzug vor die Tür, wird mir kalt. Ähnlich wirkt auch das gute Vorbild der Eltern: Es ist nicht auf das Kind bezogen, sondern aus der kindlichen Wahrnehmung abgeleitet. Läuft man schon auf Hochtouren, sollte man zuerst Abhilfe durch bewusste Entspannung suchen. Mit einem Überraschungseffekt kann man punkten, indem man etwas ganz Unerwartetes tut wie Vorlesen, Streicheln oder Massieren.

Konsequenzen statt Strafen


Zusammenfassend lässt sich sagen, dass körperliche Strafen nicht nur die Gesundheit, sondern auch das Sozialverhalten des Kindes negativ beeinflussen. Genau besehen geht es um Machtausübung, die ausschließlich auf körperlicher Überlegenheit beruht und nichts anderes ist als das Eingeständnis von Ohnmacht. Wer selbst Kinder hat, weiß, dass Erziehung häufig aus Zwischentönen besteht. Blinden Gehorsam zu verlangen ist genauso wenig hilfreich wie völlige Zügellosigkeit. Kinder verstehen Konsequenzen besser als Strafen, weil sich aus der Wirklichkeit ableiten lassen. Im Gegensatz zu Strafen werden Konsequenzen ruhig und freundlich benannt und sprechen für sich. Ein Plädoyer für schöne, kurze Ohren.

Sonja Leibinger

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