Stadt vs. Land

Wie viel Kinderfreiheit ist okay?


Der Wohnort einer Familie bedingt auch immer diverse Grundsatzentscheidungen. Die vielleicht wichtigste davon: Wie viel Freiheit kann oder muss einem Kind gegeben werden?

Die Diskussion Stadt- vs. Landleben hat derart viele Ebenen, dass es schon schwierig wäre, sie alle nur aufzulisten. Für Eltern kommt die Wohnortfrage nicht nur wegen dem Arbeitsplatz ins Spiel, sondern hauptsächlich mit Hinblick auf das Wohl ihrer Kids. Erst Anfang des Jahres veröffentlichte der Focus einen Artikel, in dem eine der Kernaussagen befand, dass Landkinder früher selbstständig würden. Doch angesichts dieser wissenschaftlich untermauerten Tatsache muss gleichsam als nächstes die Frage nach der Freiheit im Raum stehen. Und auch bei diesem Thema unterscheiden sich Stadt und Land nicht nur stark, sondern die Ergebnisse hängen, so viel sei bereits verraten, auch davon ab, wie alt das Kind ist. 

Grundsätzliches


„Wie viel Freiheit gebe ich meinem Kind?“. Das ist die große Frage. Der Hintergedanke ist immer folgender: Je früher ein Kind Freiheiten bekommt, desto eher lernt es, selbstständige Entscheidungen zu treffen. Also zunächst ein extrem wichtiger Punkt auf dem Weg zu einem „vollwertigen Menschen“. Allerdings zeigten Erziehungsstile wie die antiautoritäre Erziehung, dass Freiheit ganzSchon Siebenjährige sind deliktfähig: Eltern, die ihnen die Konsequenzen ihres Tuns nicht schon vorher klarmachen, müssen sich klar sein, dass auch ihre Kids durch Fahrlässigkeit Schadensersatz leisten müssen. ohne Regeln Menschen produziert, die sich in einer Welt voller geschriebener und ungeschriebener Gesetze nur sehr schwer unterordnen können. 

Umgekehrt ist die autoritäre Erziehung das extreme Gegenteil: Kinder haben hier so wenige Freiheiten, dass sie sich kaum entfalten können und zu äußerst unselbstständigen Charakteren heranwachsen. Die meisten modernen Eltern versuchen deshalb, einen gesunden Mittelweg zu finden, bei dem das Kind genügend Freiheiten hat, um Selbstständigkeit entwickeln zu können, aber nach wie vor lernt, sich Regeln unterzuordnen. Und das ist nicht nur eine Sache für das spätere Erwachsenenleben, sondern fängt schon im Grundschulalter an: Kinder, die das siebte Lebensjahr vollendet haben, sind bereits eingeschränkt deliktfähig; Für fahrlässig herbeigeführte Schäden außerhalb des Straßenverkehrs können sie zur Verantwortung gezogen werden. Ab dem zehnten Lebensjahr fällt auch diese letzte Hürde. Im Klartext bedeutet das: Der Gesetzgeber nimmt an, dass Kinder dann in der Lage sind, die Konsequenzen ihres Handelns einschätzen zu können. Zu viel Freiheit ohne ein Rechtsbewusstsein, mit dem Kinder sich selbst Regeln setzen, führen also unter Umständen dazu, dass sie gezwungenermaßen für ihr Tun geradestehen müssen.

Stadt

Die vielleicht stärksten Argumente gegen zu viel Freiheit in der Stadt sind ihre äußeren Realitäten:

  • Dichter Verkehr
  • Mehr Menschen
  • Höhere Kriminalität

Das bedeutet: Ein weitgehend von den Eltern unbeobachtetes Kind allein auf dem Schulweg, auf dem Weg zu Freunden und auf dem Spielplatz unterliegt allein schon dank der prozentual viel zahlreicheren Risikofaktoren einer höheren Wahrscheinlichkeit, dass „etwas passieren könnte“. 

  • Wo mehr Autos fahren, besteht ein größeres Risiko eines Unfalls mit Fußgängerbeteiligung
  • Wo mehr Menschen leben, desto höher die statistische Wahrscheinlichkeit, dass sich darunter Kriminelle befinden - in Großstädten ist das Risiko, Opfer einer Straftat zu werden, dreimal so hoch wie auf dem Land

Aber diese Verdichtung in der Stadt bedeutet eben auch etwas anderes: Nämlich, dass die Wege einfach kürzer sind: Bäcker, Supermarkt, Arzt liegen in großen Städten meist fußläufig entfernt. Um einem Kind größere Verantwortung beizubringen, ist das natürlich ideal: Wenn der Supermarkt zwei Häuser weiter liegt, können schon verantwortungsvolle Sechsjährige dorthin geschickt werden, um Kleinigkeiten zu kaufen – wo auf dem Land vielleicht ein Zehnjähriger kilometerweite Strecken mit dem Rad zurücklegen müsste, um zum nächsten Geschäft zu gelangen – in Bayerns Dörfern beispielsweise liegt die Durchschnittsentfernung zur nächsten Nahversorgungs-Einrichtung bei über einem Kilometer. 

Und das wiederum bedeutet, dass Eltern in der Stadt weniger Mühe aufwenden müssen, um ihr Kind an Alltäglichkeiten zu gewöhnen: Ein Kind, das solche Eigenverantwortung schon in frühen Jahren lernen muss, hat später damit weitaus weniger Probleme. Doch leider gibt es eben auch andere Negativseiten: Um spielen zu gehen, müssen Stadtkids manchmal weite Wege zurücklegen – Spielplätze sind in der kapitalistischen Welt eben rarer als Geschäfte. Wer seinem Kind nicht zumuten will, über Ampeln, Plätze voller Menschen zu solchen Orten zu gelangen, muss seine Freizeit beschneiden – und eine Alternative gibt es nicht, schließlich sind auch Stadtwohnungen statistisch viel kleiner als Landhäuser: Berlin, Hamburg und Bremen, wo Privathäuser viel seltener sind, kommen flächenmäßig nur auf knapp ein Drittel des recht ländlichen Rheinland-Pfalz und des Saarlandes. 

Aber: Dies alles gilt nur für Kinder bis zu den ersten Jahren einer weiterführenden Schule. Denn spätestens mit dem Eintritt in die Pubertät geht bei den meisten Kids der Freiheits- und Actiondrang durch die Decke. Und dann gibt es in Städten mit ihren vielfältigen Sport- und Freizeitangeboten kaum einen besseren Ort für diese größeren Kids – und wenn sie von klein auf gelernt haben, mit all den Risiken umzugehen, sinken dann auch wieder die Wahrscheinlichkeiten für Unfälle. 

In der Stadt lernen Kinder durch die räumliche Nähe augenscheinlich leichter Selbstständigkeit. Gleichzeitig muss aber wegen ebendieser Verdichtung zwangsläufig auch die Freiheit etwas eingeschränkter sein, weshalb die Selbstständigkeit unter dem Strich geringer ist.

Land 

Auf dem Land können Kinder wegen verringerter Risiken größere Freiheiten haben – müssen gleichsam aber von den Eltern auch an die Hand genommen werden, um Skills wie Einkaufen und andere Selbstständigkeiten zu erlernen. Auf dem Land ist alles ruhiger – das ist vielleicht schon der größte Vorteil, den Kinder und Eltern hier haben: Wo wenige(r) Autos fahren, ist eben das Risiko kleiner, dass ein Kind davor rennt. Die Anonymität ist sehr viel geringer, wo sich in kleinen Dörfern vielleicht alle Nachbarn gegenseitig kennen. Die Summe dessen macht es für Eltern leichter, die Kids auch mal unbeaufsichtigt durch die Natur stromern zu lassen. Die frühere goldene Elternregel „Du bist daheim, wenn die Straßenlaternen angehen“ ist auf dem Land absolut noch möglich. 

Doch dann fangen auch schon die Probleme an. Denn es ist eben nicht nur

  • der Bäcker
  • der Arzt
  • der Supermarkt
  • die Schule

sehr viel weiter entfernt: Wo weniger Menschen leben, sind auch weniger gleichaltrige Spielkameraden vorhanden – und die wohnen auch noch viel verstreuter. Soziale Kompetenzen lernen Kinder aber am besten in Augenhöhe-Beziehungen mit Gleichaltrigen

Landkinder werden von klein auf mit Erregern und Pollen bombardiert. Dadurch lernt ihr Immunsystem, damit umzugehen – sie leiden viel seltener unter Allergien. Allerdings kann gerade dieser Umstand auch dazu führen, dass Kinder mehr Durchsetzungsfähigkeit und Siegeswillen lernen: Wo einen ältere Kinder vielleicht nicht mitspielen lassen, einen als zu jung verspotten, wächst eben besser der Wille, sich durch Leistungen zu beweisen und zu behaupten. Umgekehrt lernen Ältere so aber auch, Kleine mehr zu unterstützen und zu behüten. Zudem ist erwiesen, dass ländliche Umgebung sich positiv auf die allgemeine Kindesgesundheit und ihre Anfälligkeit für Allergien auswirkt. Allerdings: Wo mehr Feldwege, Äcker, Wälder zum Erkunden einladen, steigt natürlich auch das Risiko für Blessuren zwischen aufgeschürften Knien und gebrochenen Knochen. 

Gleichsam sind die langen Wege jedoch ebenfalls ein Garant für Eigenständigkeit: Ein Grundschulkind, das wegen der Distanz schon mit dem Fahrrad fahren muss, lernt sehr viel schneller, auch ohne „Mamas Rockzipfel“ zu bestehen, als ein Stadtkind. Zumal die geringere Kriminalitätsrate auch hier ihr Übriges zur Beruhigung der Eltern beiträgt: Wer seinen Zwölfjährigen auf dem Land in den Sommerferien mit seinen Freunden zelten lässt, der weiß, dass ihnen da eher Wildtiere begegnen, als Kriminelle. Die Medien sind längst auf diese ländliche Kinder-Idylle angesprungen. 

Das Landleben lehrt Kids auch eine weniger materialistische Sichtweise. Zudem kann Freiheit, durch die relative Abwesenheit von Risiken, großzügiger ausgelegt werden. Allerdings: So viele Freiheiten das Landleben auch gegenüber der Stadt erlaubt: Ein Kind, das vielleicht bis zur Volljährigkeit ein so behütetes, ruhiges Dasein genossen hat, wird ein hartes Aufwachen erleben, wenn es für Beruf oder Studium in eine Großstadt ziehen muss. Dann nämlich hat es gewaltige Nachteile gegenüber Gleichaltrigen, die in dieser Umgebung großwurden. Außerdem kann das durch die geringere Zahl an Altersgenossen anerzogene „Ellbogendenken“ zu einer verminderten Teamfähigkeit führen – doch das ist heute ein Softskill, ohne den es sich kaum noch auskommen lässt. 

Und wie in der Stadt verkehrt sich die Ruhe auf dem Land meist mit der Pubertät ins Gegenteil: Dann ist dort zu wenig Action. Und wenn Kids davon mehr wollen (und das werden sie), werden weitere Wege notwendig, das Risiko für Unfälle steigt. Das Land ist in den meisten Fällen ein Garant dafür, dass ein Kind selbstständiger aufwächst, da hier bloß andere Anforderungen an selbstständige Handlungen gestellt werden, als in der Stadt. Zudem erlaubt die geringere Anzahl von potenziellen Gefahren hier eine etwas freiere Erziehung. 

Wie viel Freiheit ein Kind haben sollte, das hängt im Großen und Ganzen davon ab, was die Eltern bereit sind, ihrem Kind guten Gewissens zu erlauben. Auch in einer Großstadt kann es möglich sein, ein Kind den Nachmittag herumstromern zu lassen – bloß ist eben hier das Risiko größer, dass etwas passiert. Umgekehrt verhindert auch ein Landleben nicht, dass ein Kind sich an Regeln gewöhnt. Im Gegenteil: Durch die größere Anzahl an Freiheiten ohne Bedenken hinsichtlich Unfällen oder Kriminalität können hier viel größere Anreize geschaffen werden, sich überhaupt erst an Regeln zu halten. Diese Kombination kann schon das ganze Geheimnis sein, warum Landkinder früher selbstständig werden.

In diesem Sinne hat das Land vielleicht den entscheidenden Vorteil hinsichtlich des Maximums an Freiheiten. Und das spiegeln ja auch die Zahlen wieder, nach denen immer mehr Eltern mit ihren Kindern aus den Städten flüchten.