Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADHS)

ADHS - Ungeordnete Wahrnehmung

Ihr Kind hat ein geringes Durchhaltevermögen und wirkt oft hyperaktiv und aufbrausend? Vielleicht zeigt es häufige Symptome von ADHS, dessen vielfältige Ursachen Mediziner und Psychologen seit Jahren beschäftigen.

Wenn Eltern sich fragen, wieso das eigene Kind übermäßige Probleme in der Schule hat oder woran es liegt, dass es selten auf das hört, was man ihm sagt, dann wäre eine Möglichkeit, dass ihr Kind ein Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADHS) hat, welches in vielen Fällen mit einer auffälligen Hyperaktivität einhergeht.

Viele Kinder mit einem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom und natürlich auch deren Familien haben einen unglaublichen Leidensweg hinter sich. Es ist schwer, den richtigen Facharzt, Therapeuten oder Psychiater zu finden. Enorm wichtig und zugleich Kraft raubend ist es, Lehrer, Erzieher oder Trainer im Freizeitbereich vom richtigen Umgang mit den Kindern zu überzeugen.

Natürlich stellt sich sofort die Frage: Woher kommt dieses Syndrom und was ist dagegen zu tun? Die Ursachen des ADHS sind vielfältig und beschäftigen seit Jahren Psychologen und Mediziner. Weltweit erforschen sie mögliche Ursachen und testen geeignete Therapieformen, um die Symptome zu mindern. Nach heutiger Auffassung ist ADHS das Resultat einer fehlerhaften Informationsverarbeitung zwischen einzelnen Hirnabschnitten.

Eine Prädisposition (genetische Veranlagung) ist in vielen Fällen nicht mehr von der Hand zu weisen, hinzu kommen permanente Reizüberflutung und psycho-soziale Einflüsse aus der Umwelt.

Um zu verstehen, was betroffene Eltern mit ihrem Kind unternehmen können, sollten vorher drei Typen dieser Erkrankung beschrieben werden. Man geht inzwischen von ca. neun Prozent der Kinder aus und weist nun auch auf betroffene Erwachsene hin, bei denen sich die Symptome mit dem Älterwerden verlagern.

ADHS kann in mehrere Schweregrade eingeteilt werden

Das leicht betroffene Kind hat zwar die biologische und genetische Prädisposition, bei ihm ist die Symptomatik aber nicht so stark ausgeprägt, dass es behandlungsbedürftig ist. Es besitzt eine überdurchschnittlich hohe Kreativität, ist etwas impulsiver als normal und kann sich nicht so gut konzentrieren wie andere Menschen. Dafür bekommt es aber am Rande liegende Details sehr viel besser mit und entwickelt hervorstechende Begabungen.

„Schon von klein auf imitierte sie das Verhalten Erwachsener, sie konnte zum Beispiel perfekt englische Lieder nachsingen, hat aber im Englischunterricht stets eine fünf“, beschreibt eine betroffene Mutter. Schon eine frühzeitige Aufklärung des Kindes und seines Umfeldes über ADHS sowie eine psycho-soziale Hilfestellung kann die Entwicklung günstig beeinflussen. Belastende Symptome könnten somit zunehmend abgeschwächt werden.

Der mittelschwer betroffene Typ ist behandlungsbedürftig und leidet neben ADHS auch unter Folgeerkrankungen. Das Kind entwickelt aber keine Störung des Sozialverhaltens oder andere soziale Auffälligkeiten. Unter Umständen ergreift es später einen Beruf, für den es geistig deutlich überqualifiziert ist. Ohne Behandlung besteht ein erhöhtes Suizidrisiko und die Wahrscheinlichkeit von Schulversagen bzw. Versagen im Beruf nimmt zu.

Ein schwer betroffenes Kind fällt durch ein gestörteres Sozialverhalten auf. Es besteht meist ein stark erhöhtes Risiko, einem Suchtverhalten zu verfallen, schlimmstenfalls sogar in die Kriminalität abzurutschen. Ohne Behandlung wird das Kind nur schwer zu (re-)sozialisieren zu sein.

Auch hier ist eine umfassende Vorsorge und Aufklärung des Umfelds über die Störung hilfreich. Einzelne Symptome könnten sich langfristig deutlich weniger ausprägen, so dass ursprünglich schwerer Betroffene in eine schwächere Kategorie fallen. Problem ist, dass ein Großteil dieses Schweregrades neurobiologisch bedingt ist und daher nur begrenzt beeinflussbar ist.

Diagnose

Um den Schweregrad festzustellen, haben Experten ein Diagnostisches Manual (DSM-IV, ICD 10) entwickelt, mit dem sie ADHS-Erscheinungsbilder unterteilen. So ist eine weitere Gruppe von Kindern beschrieben, die vorwiegend unaufmerksamer und auffallend verträumter als andere Kinder sind. Sie erscheinen eher ruhig, doch ihre innere Unruhe bzw. gedankliche Umtriebigkeit, ein dranghaftes Verhalten und Impulsivität können genauso auftreten wie bei den anderen Typen. Oft kommt es erst relativ spät zu einem scheinbar unerklärlichen Versagen in der Schule oder im Beruf. Es wird vermutet, dass Mädchen in dieser Gruppe stärker vertreten sind als in den anderen Gruppen und deshalb seltener diagnostiziert werden.

Behandlung

Das Ziel einer Behandlung sollte sein, das individuell unterschiedlich vorhandene Potential eines Betroffenen auszuschöpfen, die sozialen Fähigkeiten auszubauen und eventuelle Begleitstörungen zu behandeln. Den größten Erfolg verspricht eine multimodale Behandlung, das heißt, es sollten parallel mehrere Behandlungsschritte durchgeführt werden. Zum Beispiel gibt es einige psychotherapeutische Methoden, psychosoziale Interventionen, Trainings und Medikamente, die speziell zur Behandlung des Syndroms entwickelt wurden. Die Wahl der Behandlung richtet sich nach dem diagnostizierten Schweregrad. Meist kann eine Therapie ambulant erfolgen.

Vorsorge

Für die Behandlung von Klein- und Schulkindern mit ADHS soll sich das Marburger Konzentrationstraining (MKT) als positiv und hilfreich herausgestellt haben. Ähnlich dem Autogenen Training beruht es auf verbaler Selbstinstruktion und ist auch für vollkommen gesunde Kinder oder für Kinder mit ungesicherter Diagnose geeignet. Autogenes Training kann ebenfalls als unterstützende „sanfte“ Maßnahme bei älteren Kindern und Erwachsenen hilfreich sein.

Umfeld

Das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom ist keine Geisteskrankheit, kein Schwachsinn und keine Faulheit. Eingehende und umfassende Aufklärung aller beteiligten Personen (Schule, Familie, Freunde) über ADHS ist ein wesentlicher Bestandteil jeglicher Therapie. Betroffene sollten über die Art der Störung, die Symptome, die möglichen Schwierigkeiten im Alltag und etwaige Behandlungsmöglichkeiten in Kenntnis gesetzt werden.

Neben dem ärztlich-psychologischen Gespräch gibt es einschlägige Literatur, sowohl für Eltern als auch für betroffene Erwachsene und Kinder, wobei diese Bücher oft hauptsächlich die Art der Störung beschreiben, mit vielen Bilder und wenig Text. Besonders hilfreich ist jedoch der Kontakt zu Selbsthilfegruppen für Betroffene und deren Bezugspersonen. Der Austausch über Erfahrungen bringt viele Beteiligte weiter und informiert über neue Methoden und Ansätze.

Umgang mit Kindern

Menschen im unmittelbaren Umfeld des Kindes sollten in Zukunft Sätze wie: „Pass auf, dass die Schüssel nicht runterfällt!“ vermeiden. Oder: „Wenn du wieder den Inhalt der Schüssel verkippst, dann gibt’s Ärger und deine Mutti wird traurig sein!“ Beide Beispiele sind lang und viel zu negativ formuliert. Das Kind braucht aufgrund des Konzentrationsmangels kurze Anweisungen und bestenfalls positiv formulierte Sätze. Kinder, die unter dem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom leiden, sind anstrengend und stoßen daher oft auf Unverständnis und Ablehnung.

Durch sein auffälliges Verhalten, das für andere oft als Desinteresse und Ungehorsam gewertet wird, erfährt es sehr viel negative Reaktionen, was wiederum Einfluss auf das Selbstwertgefühl hat. Betroffene, Kinder wie auch Erwachsene, leiden sehr oft unter depressiven Verstimmungen.

Versuchen Sie in Zukunft positiv und knapp zu formulieren:
„Halte schön die Schüssel fest!“
„Das hast du fein gemacht!“
„Darüber freue ich mich.“
„Danke!“

Antje Schulz

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